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Transkript „Die Physiker“ – Entstehungsgeschichte (Dürrenmatt)

Entscheidend für die Entstehung der Komödie "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt waren zwei Einflüsse. Erstens: Dürrenmatt war mit Brechts Drama "Leben des Galilei" vertraut. Dieses wurde 1939 geschrieben. Die Unterschiede zwischen beiden Werken offenbaren sowohl eine unterschiedliche Theaterauffassung als auch ein unterschiedliches Geschichtsbild.

Einfluss anderer Werke

Zweitens: Dürrenmatt hatte 1956 Robert Jungks Buch "Heller als tausend Sonnen" rezensiert. Dieses Buch beschäftigt sich mit der Atombombe, ihren Folgen für die Menschen und dem Schicksal von Atomwissenschaftlern.

Bereits im Jahre 1949 hat Dürrenmatt einen Kabarett-Sketch namens “Der Erfinder” verfasst, der inhaltlich um die Atombombe kreist. Die Komödie "Die Physiker" hat also werkgeschichtlich betrachtet einen Vorgänger. Der Sketch bezeichnet die Atombombe als Moment totaler Bedrohung für die Menschheit. Diese Situation wird im Sketch auf komische Weise dadurch abgewendet, dass der Wissenschaftler die Bombe im Dekolleté einer Dame verschwinden lässt.

Thema Atomphysik

Noch wichtiger für die Entstehung der Tragikomödie um den Physiker Möbius ist jedoch Dürrenmatts theoretische Beschäftigung mit dem Thema “Atomphysik”. Von besonderer Bedeutung ist dabei seine Lektüre von Robert Jungks Werk "Heller als tausend Sonnen". Hier schildert Jungk den Entwicklungsprozess vom Bau der Atombombe und die Probleme der Atomwissenschaftler. Diese waren nicht nur technisch-physikalischer Natur, sondern auch durch die politische Verstrickung der Forscher bedingt.

Die Rolle der Atombombe während des 2. Weltkriegs

Im Zweiten Weltkrieg erreichten Hitler und die deutschen Nationalsozialisten zunächst militärische Erfolge. Ein Teil der deutschen Wissenschaftler, die Kenntnisse für den Bau einer Atombombe besaßen, emigrierte, z. B. Einstein. Ein Teil blieb in Deutschland, so etwa Heisenberg. Physiker in den USA (unter ihnen auch Einstein) drängten den US-amerikanischen Präsidenten dazu, Gelder für die Entwicklung einer Atombombe bereitzustellen.

Man fürchtete nämlich, Hitler könnte seinerseits eine Atombombe entwickeln lassen, um die entscheidende Wende im 2. Weltkriegherbeizuführen. Einsteins Rolle und die der anderen Physiker ist hierbei tragisch. Sie sahen sich durch Hitler genötigt, sich für die Atombombe einzusetzen, hatten aber letztendlich die Konsequenzen dieser Erfindung nicht mehr unter Kontrolle.

Hiroshima und Nagasaki

Die amerikanische Regierung setzte schließlich die Atombombe gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ein. 80.000 Menschen kamen dabei zu Tode oder wurden schwer verletzt. Einsteins Versuche, diese Entwicklung aufzuhalten, scheiterten. Jungk fordert dazu auf, auf die weitere Erforschung und den weiteren Bau der Atombombe zu verzichten, weil die Menschheit noch nicht reif genug sei, mit ihr umzugehen. Außerdem prangert er an, dass Wissenschaftler von Militärs vereinnahmt würden.

Heliozentrische und geozentrische Weltbilder

Im dänischen Exil verfasst Bertolt Brecht das Drama "Leben des Galilei". Galileo Galilei war ein Forscher. Er entdeckte, dass Kopernikus` Behauptung, dass die Erde sich um die Sonne dreht, stimmt. Diese Erkenntnis nennt man die heliozentrische Weltsicht.

Bisher war man davon ausgegangen, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Das heißt, dass die Erde den Mittelpunkt des Universums und der göttlichen Schöpfung darstellt. Diese veraltete Sicht heißt geozentrisches Weltbild. Galileos Erkenntnisse hätten die kirchlichen Dogmen zum Einsturz bringen können und hätten einen Nutzen für die Menschen gehabt.

Sie hätten überholtes Wissen abstreifen und Fortschritt erleben können. Auch der Druck der Kirche auf die Menschen hätte konsequenterweise nachlassen müssen. Galileo jedoch widerruft seine Erkenntnisse unter Androhung der Folter und forscht nur heimlich weiter. Für Brecht ist dies ein Verrat; nicht nur an der Wissenschaft, sondern am gesellschaftlichen Wandel und damit an der Menschheit.

Die Gegenwart des Kalten Krieges

Vor dem Hintergrund des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki änderte Brecht den Schluss des Stückes. Brecht lässt hier Galileo in einem längeren Monolog davon sprechen, dass der "Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte."1 Somit wird Galileos Schuld relativiert. Dürrenmatt versetzt das Dilemma des Forschers in die Gegenwart des Kalten Krieges.

Unterschiede Brecht und Dürrenmatt

Die Unterschiede zwischen dem Stück Brechts und dem Stück Dürrenmatts zeigen ein unterschiedliches Geschichtsbild. Galilei bremst den wissenschaftlichen Fortschritt, den er als Forscher erreichen könnte, unter dem Druck der Mächtigen. Dadurch erscheint er in einem eher negativen Licht.

Möbius hält ebenfalls die Ergebnisse seiner Forschungen zurück, aber er ist dadurch eher positiv besetzt: Er will die Welt vor Schaden bewahren. Doch versagt auch er. Er wird zum Mörder, um sein Geheimnis zu schützen und lässt seine Familie im Stich. Die Welt fällt in die Hände der geisteskranken Mathilde van Zahnd. In beiden Fällen also befindet sich der Wissenschaftler in einem Dilemma, das sich nicht ins Positive wenden lässt.

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