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Transkript „Die Marquise von O.“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Kleist)

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O. - Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

In der Erzählung “Die Marquise von O...” befindet sich der wohl berühmteste Gedankenstrich der deutschen Literatur. Nachdem der russische Graf die völlig erschöpfte Marquise vor einer Gruppe Soldaten in Sicherheit gebracht hat, steht der Satz:

„Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.“

Erst im Laufe der Erzählung wird klar, dass dieser Gedankenstrich den Moment der Schwängerung der Marquise durch den Grafen markiert. Mit dieser rein schriftbildlichen Markierung vermeidet Kleist eine konkrete narrative Schilderung der Geschehnisse und lässt den Leser im Unklaren. Das tut er nicht nur hier...

Kleists Novelle kann als Satire auf bürgerliche Heuchelei und Doppelmoral verstanden werden, von der alle Figuren betroffen sind, auch die Marquise. Der Autor parodiert spitz und präzise die Brutalität der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und ihr Versagen.

Denn die Familie ist nicht der Rückzugsort, wo man geliebt und angenommen wird, sondern sie untersteht strengen Regeln – die Respektierung der Sitte ist wichtiger als die Bedürfnisse des Individuum. Gleichzeitig verhalten die Figuren sich keineswegs moralisch bzw. sittlich.

Die Bürger stehen in ihrem Verhalten dem Stereotyp des von ihnen verachteten Adels sehr nahe. Kleist verspottet eine Gesellschaft, die von gewissen Dingen nur verblümt zu sprechen pflegt, in der alles erlaubt ist, solange es im Verborgenen geschieht.

Auch die Namensabkürzungen aller Figuren weisen auf ein Nicht-Nennen, nicht Aussprechen und Verheimlichen hin - das Thema der Novelle, bei der man auch von einem “erzählten Drama” sprechen kann.

Kleist legt keinen Wert auf Beschreibungen der Landschaft oder des Aussehens der Figuren. Durch die temporeiche Aneinanderreihung von Ereignissen und Dialogen hält er eine handlungsorientierte Spannung beim Leser aufrecht. Er benutzt den Aufbau eines geschlossene beziehungsweise tektonische Dramas:

Die Marquise befindet sich in familiärer und sozialer Integration. Durch die Anzeichen der Schwangerschaft ist sie innerlich verunsichert, wird schließlich familiär und sozial isoliert. Die Suche nach dem Vater ist ihr Ansatz zur Re-Integration. Obwohl sie wieder ins Elternhaus zurückkehren darf und den geständigen Grafen heiratet, ist sie innerlich verunsichert, bis sie sich schließlich aussöhnt.

Der Erzähler wertet durch seine Wortwahl und seinen Kommentar. Seine Haltung kann als eine ironische Distanz zum Geschehen bezeichnet werden. Dabei versetzt er sich in die Perspektive aller Figuren, was auf den Leser verwirrend wirkt, aber eine doppelte Charakterisierung der handelnden Personen zulässt.

Die Ironie wird insbesondere deutlich, als der Graf im Hause G... um die Hand der Marquise anhält. Der Vater bemerkt, dass der Graf “Damenherzen durch Anlauf, wie Festungen zu erobern gewohnt scheine”. Die Mutter spricht von den “vortrefflichen Eigenschaften, die der Graf in jener Nacht, da das Fort von den Russen erstürmt ward, entwickelte”.

Dazu finden sich viele religiöse Bilder in der Novelle. Die Entgegensetzung von “Engel” und “Teufel” zeigt die Widersprüchlichkeit der Person des Grafen. Religiöse Vergleiche wie die “Jungfrau-Empfängnis” oder Bezeichnungen wie “junger Gott” und “herrlich Überirdische” dienen den Figuren dazu, widersprüchliche Moralvorstellungen zu kaschieren - und entlarven auch die Religion.

In der Novelle befinden sich auch viele Metaphern aus dem Bereich Theater, die verdeutlichen sollen, dass die Figuren oft eine “Rolle” spielen. So wirkt auch die übertrieben dargestellte Versöhnungs-Szene zwischen der Marquise und den Eltern wie eine gegenseitige Inszenierung.

Der Erzähler spricht von einem “Schauplatz” der Erzählung. Die Mutter schließt den Vater vom Treffen mit dem Grafen aus, wegen der “Ungeschicklichkeit der Rollen”, die sie aber “zu spielen hätten”.

Beim Heiratsantrag fallen beim Erzähler Worte wie “Aufführung” und “Auftritt des Grafen”. Die Marquise hat einen “Ausdruck der Verzweiflung”. So lässt der Autor den Erzähler Mimik und Gestik beschreiben, wodurch er deutlich macht, was nicht ausgesprochen werden darf. Das verhüllte Umschreiben enthüllt das “Unaussprechliche” umso mehr.

Mit dem Erzähler wird ein durch die Sprache charakteristisches Bewusstsein vorgeführt und stellenweise parodiert. Die Marquise redet zum Beispiel häufig stockend, wenn sie zwischen den eigenen Wünschen und gesellschaftlichen Konventionen steht.

Mit den vielen Dass-Sätzen an jener Stelle, wo der verliebte Graf um die Hand der Marquise anhält, zeigt der Erzähler dessen Atemlosigkeit und Verwirrung. Gerade diese Stilmittel wurden stark kritisiert bei der Veröffentlichung 1808 im zweiten Heft der Zeitschrift “Phoebus”. Der ganze Sprachstil schien undeutsch, verschroben und steif. Außerdem seien die religiösen Motive pietätlos. Konkret wurde die Ablehnung der Novelle in folgenden Zitaten:

Dora Stock schrieb: “Seine (Kleists) Geschichte der Marquise von O... kann kein Frauenzimmer ohne Erröten lesen”. Und Karl Auguts Böttinger war der Meinung: “Nur die Fabel derselben angeben, heißt schon, sie aus den gesitteten Zirkeln verbannen”

Die “Marquise von O...” gehört heute zu den großen klassischen Novellen der deutschen Literatur. Für Rainer Maria Rilke ist die Novelle 1913 “ein Meisterwerk, dass ich immer wieder anstaune”. Theodor Fontane bezeichnete 1872 selbige als das “Glänzendste und Vollendetste”, das Kleist “je geschrieben” habe.

Gerhard Fricke sah in der Erzählung die Schwangerschaft der Gräfin betreffend “das Verhältnis des existierenden Ich zu seinem Schicksal.” So wie bei dem berühmten Gedankenstrich etwas vorenthalten, nicht gesagt wird, so verbergen auch die Figuren ihre Gefühle und Absichten, wenn sie im Widerspruch zu gängigen Moralvorstellungen stehen - denn individuelle Wünsche und gesellschaftliche Normen lassen sich schwer vereinbaren.

Gut und böse, schwarz und weiß - diese Extreme entlarvt Kleist als eine zu strenge Aufteilung, die dem Menschen nicht gerecht wird. Schiller schrieb dementsprechend über die Novelle: “Wir schweben hier gleichsam um die zwei äußeren Enden der Moralität, Engel und Teufel, und die Mitte - den Menschen - lassen wir liegen.”

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