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Transkript „Die Leiden des jungen Werther“ – Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Goethe)

Goethes “Die Leiden des jungen Werthers” ist der erste Bestseller der deutschen Literatur. Ein Welterfolg, der in viele Sprachen übersetzt wurde. Damals ist das eine gewaltige Sensation gewesen.

Goethe selbst sagt in seiner Autobiografie “Dichtung und Wahrheit” dazu: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“ Was war also der Nerv der Zeit, den Goethe so genau getroffen hat? Beginnen wir mit der Reaktion von Goethes Zeitgenossen.

Kirche, Zensur und Verbot

Der Briefroman löst sofort nach Erscheinen eine Kontroverse aus. Der Roman erregt die Leserschaft und teilt sie in extreme Befürworter und Gegner. In dieser sehr emotional geführten Debatte ist es unmöglich gewesen, neutral zu bleiben. Anstoß wird von Seiten der Kirche vor allem am Selbstmord Werthers genommen.

Aber auch das Streben eines jungen Mannes nach Selbstverwirklichung ist von konservativen Kreisen vehement abgelehnt worden. Die Zensur schaltet sich ein. In Sachsen, Österreich, Norwegen und Dänemark wird der Roman als sittenverderbend verboten. Das macht den Sensationserfolg natürlich erst vollkommen. Angeblich gibt es Nachahmer:Lebensmüde junge Männer folgen dem Beispiel Werthers und wählen den Freitod.

Begeisterung und Werther-Mode

Auf der Gegenseite löst Goethes Jugendroman eine wahre Werthermode aus. Christian Graf zu Stolberg schrieb 1775 an seine Schwester: “In Frankfurt haben wir uns alle Werthers Uniform machen lassen, einen blauen Rock mit gelber Weste und Hosen; dazu runde graue Hüte.”

Vor allem junge Leute haben sich vom jugendlichem Aufbegehren gegen die alten Normen und Moralvorstellungen angezogen gefühlt und sind von Goethes Roman begeistert.

Sogar Napoleon soll 1808 Goethe eingestanden haben, dass er den Werther sieben mal gelesen habe und ein Exemplar stets bei sich trage. Noch im 20. Jahrhundert hat Thomas Mann in seinem Roman “Lotte in Weimar” seine Faszination für Goethes Roman verarbeitet.

“Die Leiden des jungen Werthers” gilt als Schlüsselroman der Epoche des Sturm und Drang. Im Mittelpunkt steht das Problem der freien Entfaltung des Menschen. Goethes Text könnte man im Hinblick auf die Rebellion eines Mannes lesen.

Subjektive Rebellion

Das Subjekt in dem Fall Werther rebelliert. Zum ersten Mal in der Literaturgeschichte gibt ein Autor den Empfindungen eines jungen rebellischen Menschen Raum. In Werthers Person wird der Grundkonflikt zwischen Leidenschaft und gesellschaftlichen Konventionen dargestellt.

In seinen letzten Lebensjahren hat Goethe versucht, die Figur Werther zu entschärfen. Inzwischen ist er selbst in den Adelsstand erhoben worden. Er reduzierte seinen eigenen Roman auf einen individuellen Konflikt. “Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten. Das war es.”

Neben der Rebellion eines Mannes könnte man Werther auch als Krankengeschichte verstehen und in diesem Hinblick lesen.

Werther - eine Krankengeschichte

Schon Goethes Zeitgenossen deuteten den Briefroman als das Seelendrama eines Menschen voller Schwermut und Trübsal. Wissenschaftler, die die Psyche analysieren, haben diese Interpretation aufgegriffen.

Sie haben aus der Figur des Werthers einen jungen Mann mit einer ichbezogenen Störung gemacht. Auslöser könnte ein Defizit an mütterlicher Liebe sein. Als auch Lotte ihn zurückweist, treibt ihn sein grenzenloser Weltschmerz schließlich in den Selbstmord.

Nur eine bloße Liebesgeschichte?

Wird diese Lesart dem Text eigentlich gerecht? Krankheit, Rebellion sind Themen, aber kann man Goethes Werther nicht als bloße Liebesgeschichte lesen?.Hier offenbart sich ein weitere Möglichkeit: Ist Goethes Werther nur Abbild einer bloßen Liebesgeschichte?

Eigentlich ist der Briefroman “Die Leiden des jungen Werthers” eine der berühmtesten Liebesgeschichten der Welt. Werther leidet an Depressionen und dem Gefühl der Sinnlosigkeit. Erst als er sich in Lotte verliebt, gewinnt sein Leben an Kraft und Leidenschaft. Liebe ist die Sprache des Herzens. Werthers Rebellion entlädt sich in seiner ausweglosen Leidenschaft zur Lotte.

Zusammenfassung

Egal für welche Lesart du dich entscheidest, für die Figur des Werthers ist eine Welt ohne Liebe schlichtweg nicht vorstellbar. Seine unstillbare Sehnsucht nach dem reinen unbedingten Gefühl ist es, was Goethes Zeitgenossen bewegt hat. Der Roman hat in ganz Europa begeisterte Leser gefunden, weil Goethe das Grundgefühl einer Generation im Aufbruch in Worte zu fassen vermochte.

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