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Transkript „Die Blechtrommel“ – Entstehungsgeschichte (Grass)

Günter Grass: Die Blechtrommel - Entstehungsgeschichte

“Vor mir lag diese unbewältigte Stoffmasse. Und es fehlte dieser hellwache Erzählerblick. Ein unbestechlicher. Ein abseitiger und doch mitten im Zentrum des Geschehens stehender.” So beschreibt Günter Grass in einem Interview seine Suche nach einer geeigneten Hauptfigur für “Die Blechtrommel”.

Drei Jahre arbeitete er an dem Roman und sammelte Ideen, Material und erste Textentwürfe, bis er 1959 erstmals erschien. Welche eigenen Erlebnisse er in dem Text verarbeitete, wie er beim Schreiben vorging und wie er dann schließlich doch noch seine Hauptfigur findet, werden wir uns in den nächsten Minuten etwas genauer anschauen.

Günter Grass wurde 1927 im damals deutschen Danzig geboren. Er erlebt den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung. Gleichzeitig kennt er das soziale Gefüge Danzigs und die Stadt an sich sehr gut.

Viele grundsätzliche Themen und Motive, die wir in der Blechtrommel sehen, haben ihren Ursprung in diesen Begebenheiten. Das gesamte erste Buch des Romans spielt in Danzig und der näheren Umgebung.

Auch die anderen beiden Bücher der Blechtrommel weisen gewisse Parallelen mit Grass’ eigenem Leben auf. So lebte Grass, ebenso wie Oskar Matzerath, die Hauptfigur, einige Zeit in Düsseldorf. Wie Oskar absolvierte auch Grass eine Steinmetzlehre, war an der Kunsthochschule und liebte es in kleinen Clubs und Bars zu musizieren. Diese Erlebnisse verarbeitet er künstlerisch im Schreibprozess und bindet sie in den Roman ein.

Doch wäre es zu kurz gegriffen den Roman als rein autobiographisches Konstrukt zu sehen. Denn darum ging es Grass keineswegs, als er 1956 begann, die ersten Entwürfe zu schreiben, aus denen am Ende “Die Blechtrommel” als Roman hervorgehen sollte. Also was genau trieb den damals noch recht unbekannten Autor dazu, sich an dem komplexen Stoff zu versuchen?

Auslöser war vor allem die politische Lage in Deutschland. Der Krieg war, als Grass 1956 anfing zu schreiben, gerade einmal elf Jahre vorüber. Die Mittäterschaft vieler am Nationalsozialismus und den Verbrechen, die damals begangen wurden, war jedoch bei den meisten verdrängt und totgeschwiegen.

Man sprach nicht darüber, dass man selbst möglicherweise mehr von den Gräueltaten wusste, als man sich eingestehen mochte. Dieses Ausschweigen über einen so prägnanten Teil der eigenen Geschichte wollte Grass nicht ohne Kommentar hinnehmen. Das “Zurechtlügen” einer Realität wollte Grass unterbinden und seinen Zeitgenossen einen “Hohlspiegel” vorhalten.

Als Grass “Die Blechtrommel” schreibt, lebt er in Paris, in einer kleinen Wohnung mit seiner Frau Anna Schwarz. Bisher hatte er einige Theaterstücke geschrieben und einen Gedichtband herausgebracht. Das Unwohlsein über die Situation in Deutschland ließ ihn nicht los und er begann den Roman zu schreiben. Danzig diente hier als Projektionsfläche und Standort, den er selbst nur zu gut kannte.

Nach langen Recherchen hatte Grass im Grunde genug Material. Eine “Stoffmasse”, wie er es im Interview nennt. Doch es fehlt ihm noch die passende Hauptfigur, welche die Themen und die Ideen des Autors transportieren konnte. Wichtig war ihm dabei, dass die Hauptfigur nicht eine der Personen ist, denen Grass den Spiegel vorhalten möchte.

Sie musste sich grundsätzlich von den “Mittätern” unterscheiden. Gleichzeitig sollte sie jedoch genau jene Missstände repräsentieren können, die Grass als wichtig erachtete. Auf der Suche nach einer solchen Figur erinnerte er sich an eine Szene, die er 1952 beobachtete. An einer Kaffeetafel saß bei Grass ein dreijähriger Junge mit einer Blechtrommel.

Er war so mit seinem Instrument beschäftigt, dass er das heitere Treiben um sich herum zu vergessen schien. Gleichzeitig jedoch war der Junge umgeben von einer klassischen Erwachsenengesellschaft.

Ein anderer Einfluss, der die Figur des Oskar schließlich vervollkommen sollte, war die des “Säulenheiligen”. Der Säulenheilige war ein Gedicht, an dem Grass lange Zeit arbeitete, es jedoch nie beendete. Dabei geht es um die Figur eines Heiligen auf einer Säule, der fast allwissend eine alternative Perspektive auf das Geschehen um ihn herum hat.

Die Kombination dieser beiden Elemente führte schließlich zur Hauptfigur Oskar Matzerath, einem äußerlich Dreijährigen, der jedoch innerlich erwachsen eine andere Perspektive einnehmen kann. Er ist mitten im Geschehen, aber abseits der Normalität. Mit dieser Figur im Zentrum vollendete Grass bis 1959 seinen Roman.

“Die Welt meint es ganz offenbar besser mit Günter Grass, dem neuen Preisträger der (Schriftsteller-)Gruppe 47, als er – grimmig, raubtierhaft, voll böser Phantasie – mit ihr.”, schreibt Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung 1958.

Bereits ein Jahr vor der endgültigen Vollendung des Romans erhält Günter Grass den Preis der Schriftstellergruppe 47. Zwei Kapitel nur brauchte er vorlesen, um den Preis zu erhalten. Und schon in diesem Fragment wird deutlich, wie sehr die Kritik einzuschlagen vermochte.

Drei Jahre Arbeit steckte Grass in den Roman und eben diese harte Arbeit hat sich für ihn gelohnt. Seine Kritik an der deutschen Gesellschaft ist angekommen und wird verstanden. Das Buch provoziert und polarisiert zugleich, auch und vor allem dank der Hauptfigur Oskar Matzerath, an der sich Grass fast die Zähne ausgebissen hatte.

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