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Transkript Der junge Goethe

Guten Tag liebe Lernende, in diesem Lehrvideo geht es um unseren Dichter Johann Wolfgang Goethe. Goethe wurde 1749 in der Reichsstadt Frankfurt am Main geboren. Frankfurt am Main war eine reiche Stadt, in der häufig Krönungen stattfanden, in der großer Handel und Wandel erfolgte, nicht in dem Sinne, wie wir es heute kennen, so als europäisches Drehkreuz, aber Frankfurt am Main war zu Zeiten Goethes, also um 1750, eine reiche, bedeutende und angesehene Stadt. Es hatte den Vater Goethes aus dem Thüringischen nach Frankfurt am Main gezogen und dort hatte er es vermocht, eine reiche Frankfurter Kaufmannstochter zu heiraten und einen Haushalt zu führen, der Goethe letztendlich jeden Wunsch von den Augen ablas und Goethe zu einem jungen Parvenü machte, einem Menschen, der quasi keine finanziellen oder Zukunftssorgen besaß. Das hat auch seine Nachteile, weil nämlich die Eltern von solchen Kindern ganz oft irgendwelche großartigen Pläne mit ihnen vorhaben. Ihnen Privatschulen vermitteln, ihnen die beste Ausbildung geben und letztendlich nur ein Ziel verfolgen, nämlich, dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt und den Platz in der Gesellschaft behauptet oder sogar noch ein wenig verbessert. Das war bei Goethe nicht anders. Was macht der Vater? Als der Junge 16 Jahre alt ist, schickt er ihn in die reichste Stadt des Reiches, nämlich nach Leipzig auf die dortige Universität, damit er zu einem ordentlichen Juristen herangebildet würde. Was macht Goethe? Dem passt das nicht! Goethe wird krank, das macht Goethe oft. Er fällt dann einfach in eine Krankheit. Nach ein paar Monaten muss er aus Leipzig zurück, kommt nach Frankfurt und soll jetzt ganz allmählich doch in Frankfurt zum Juristen und Kaufmann herangezogen werden. Aber da merkt der Vater bei aller Strenge: Das wird nichts! Die Mutter, gutherzig, freundlich, musisch, mütterlich im wahrsten Sinne des Wortes, kann beim Vater bewirken, dass der Sohn eine zweite Chance bekommt. Er wird ins etwas offenere Straßburg geschickt, auch auf eine Universität und soll dort sein juristisches Examen machen. Was aber passiert in Straßburg? In Straßburg sind sehr viele Menschen versammelt, junge Leute aus dem ganzen Reich, die eigentlich in Straßburg nicht unbedingt das Studieren ins Zentrum ihrer Beschäftigung legen, sondern sich vielmehr mit dem Leben als solchem beschäftigen. Nun hocken diese nicht einmal 20-jährigen jungen Männer immer zusammen, da spielen natürlich auch Frauen eine gewisse Rolle. Bei Goethe war das eine Friederike Brion, die Tochter eines Pfarrers aus dem Örtchen Sesenheim, das also zu Pferd in einer guten Stunde von Straßburg aus zu erreichen war. Und der gute Goethe reitet nun durch Nacht und Wind zu seiner geliebten Friederike Brion. Ob es da nun auch sexuelle Beziehungen gab, wird heute von vielen bestritten. Eines jedenfalls ist da herausgekommen, die sogenannten Sesenheimer Gedichte. "Willkommen und Abschied" ist da zu nennen. Das ist also das "Heideröslein", das sind ganz berühmte Gedichte aus diesem Zyklus, den Goethe im Nachhinein für diese Zeit schrieb. Und das Wichtige, was da passiert ist, dieses Reiten durch Nacht und Wind und diese Unmittelbarkeit des Gefühls, die sie hatten, wurde hier vom jungen Goethe hier also schon sehr thematisiert. Worum geht es? Es geht um Liebe, es geht um Erlebnisdichtung, es geht um Gefühle, es geht um den Einklang von Natur und Gefühl. Und umso erschreckender wird es dann natürlich von diesem jungen Dichter wahrgenommen, wenn er in die Enge einer Universität mit ihrer geradezu aristotelisch durchsetzten Prügelpädagogik zurückkehrt, um stur irgendwelche Bestimmungen in Gesetzesbüchern auswendig zu lernen. Das führt natürlich dazu, dass der junge Goethe sich mehr und mehr mit denjenigen beschäftigt, die gegen eine solche Pädagogik und gegen eine solche Form der Wirklichkeitsauseinandersetzung rebellierten. Das führt dann auch dazu, dass wenn diese jungen Menschen, die das tun, sich treffen und darüber resonieren, wie man denn solche verkrusteten Verhältnisse, solche Sturheit und Blödsinnigkeit des Auswendiglernens aufbrechen könnte. Sie kommen immer wieder auf diesen Aspekt zurück, die Wahrheit liegt in mir selbst, die Wahrheit ist das, was ich selbst ins Leben hinausschreien möchte und wo ich die Formen mir selbst finde. Und da finden sie auch jemanden, der in ähnlicher Form als jemand gilt, der das auch schon einmal gefordert hat. Und das war der Schäkspeare. Ich habe den jetzt so geschrieben, wie Goethe ihn in seiner Zeit schrieb. Und das bringt den Goethe dazu 1771 zum Geburtstag von Schäkspeare eine Rede zu halten, in der er auf drastische Weise formuliert, worum es eben in der auch Literatur gehen muss. Nämlich um eine Auflösung des Subjekt-Objekt-Problems. Goethe nennt es bei Schäkspeare Charaktertragödie, er nennt es, dass Schäkspeare immer eine großartige Konfliktsituation eines Individuums beschreibt, worum er dann die Handlung spinnt. Es geht also immer um ein Genie, um einen ganz besonderen Menschen in einer ganz außergewöhnlichen Situation, um den herum sich dann sozusagen wie ein Spinnfaden alles herumwickelt und am Ende dieses Genie quasi erdrückt. Wo das Eigentümliche unseres Ichs mit dem Gesamten zusammenprallt. Wo es also diesen Konflikt gibt: Aus uns selbst heraus versuchen wir die Welt zu gestalten und das kollidiert eben mit der bösen Welt, die nach harten, verkrusteten Vorstellungen aufgebaut ist. Darum geht es also in dieser Schäkspeare-Rede und dann fordert Goethe ganz knallhart: Es geht darum, diese Strukturen aufzubrechen durch Natur. Nirgends ist so viel Natur, wie in Schäkspeares Gestalten und ich selbst will in diesen Gestalten leben und will kämpfen und will es verbessern, das allgemeine Dasein. Und die erste literarische Figur, die Goethe dann nach dieser Rede schreibt oder verfasst, ist der alte Ritter Götz von Berlichingen von der traurigen Gestalt. Und Goethe schreibt ein Drama im Stile dieses Kraftgenies. Allerdings muss er den Götz natürlich auch sterben lassen und das Problem war, dass also Goethe in der Person des Götz von Berlichingen mehr Traurigkeit als Tragik empfinden kann, sodass also dieses Drama heute nur noch bekannt ist durch ein entsprechendes Zitat, das ich jetzt nicht wiedergeben möchte. Und dass Goethe dann letztlich von Schäkspeare und vom Dramaschreiben erst einmal ein wenig wegzieht. Er erkennt, dass das Dramatische nicht unbedingt seine beste Passion, das ist, was er wirklich vermag. Aber was immer noch mit einer Art Hassliebe besteht. Er befindet sich also in dieser Situation, dass er zwischen dem Verfassen von Dramen und der Wirklichkeitsdarstellung, wie er sie schnell in Gedichten, in Gelegenheitsgedichten, in Erlebnisdichtung und auch in Tagebuchform wiedergeben kann. Dazwischen schwankt also der junge Goethe und das Ganze kulminiert dann letztendlich in dem berühmten 'Werther', in dem er sämtliche Erlebnisse aus seinen ersten zwanzig Lebensjahren zusammenfassen kann, wo er in episch breiterer Form Briefe verfasst, die alles zusammenbringen, was Goethe also bisher erlebte. Die Naturlyrik der zarten Liebe zwischen 2 Menschen, die nicht zusammenkommen, die Kraft gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen zu wollen und das Scheitern, diese gesellschaftliche Veränderung nicht herbeiführen zu können, kulminiert dann zusammen in diesem 'Werther', der am Ende seelisch krank daniederliegt und in einer Art von Selbsthass und Weltschmerz sich die Kugel gibt. Und damit endet dann also auch der junge Goethe 1775. Er verlässt Frankfurt, er verlässt Straßburg, er verlässt Leipzig. Er bricht alles ab und versucht in Weimar, wohin ihn der Herzog als Geheimen Rat zitiert oder bittet, möchte man fast sagen, einen Neuanfang in seinem Leben.

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1 Kommentar
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    trocken

    Von Kruijsseny, vor fast 3 Jahren