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Transkript „Das Parfum“ – Möglicher Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte (Süskind)

Patrick Süskind: Das Parfum - Möglicher Interpretationsansatz und Rezeptionsgeschichte

Hast du gewusst, dass die us-amerikanische Grunge-Band Nirvana in einem ihrer Songs Grenouille, die Hauptfigur in Patrick Süskinds Roman "Das Parfum", besingt? In diesem Video erfährst du mehr darüber! Bevor wir aber zur Rezeptionsgeschichte des Textes kommen, soll es um seine Interpretation als postmoderner Roman gehen.

Wie bei jedem literarischen Werk, gibt es auch für "Das Parfum" nicht nur eine einzige richtige Interpretation. Vielmehr muss man von einer ganzen Reihe möglicher Interpretationsansätze ausgehen, insbesondere weil die Deutungsoffenheit eins der markanten Merkmale von Süskinds Roman ist.

Das bedeutet, dass im Roman selbst viele mögliche Lesarten angelegt sind, sich aber keine davon als die “ einzig richtige” herausheben lässt. Wie du vielleicht bereits weißt, gehört die Deutungsoffenheit zu den Merkmalen postmoderner Literatur.

Zwei weitere Begriffe sind zentral für die Epoche der Postmoderne. Neben der Deutungsoffenheit sind dies Mehrfachcodierung und Intertextualität. Lass dich nicht abschrecken von der Kompliziertheit der Wörter, im Grunde meinen sie ganz einfach nachvollziehbare Dinge.

Der Begriff Mehrfachcodierung steht im engen Zusammenhang mit dem der Deutungsoffenheit. Mehrfachcodierung meint, dass in einem literarischen Werk mehrere Genres ineinander verschränkt werden.

Machen wir das konkret: "Das Parfum" ist zunächst ein Kriminalroman, der Untertitel "Die Geschichte eines Mörders" weist darauf hin. Es ist aber auch ein Entwicklungsroman, denn es erzählt die innere und äußere Entwicklung von Grenouille von der Geburt bis zu seinem Tod.

Darüberhinaus ist es ein Künstlerroman, der vom geniehaften Schaffen und der inneren Zerrissenheit eines Künstlers, hier: eines Duft-Künstlers, erzählt. Und schließlich ist es auch ein historischer Roman, der uns die französischen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts vor Augen führt. "Das Parfum" weist also Merkmale all dieser Genres auf, man könnte auch von einem Genremix sprechen. Dieses Mixen von Genres ist typisch für die Postmoderne.

Mehrfachcodierung im weiteren Sinne meint auch, dass man den Roman auf verschiedenen Ebenen lesen kann: Die breite Masse wird ihn als spannenden Unterhaltungsroman lesen, für den kein besonderes Vorwissen oder Lektüreerfahrung nötig ist. Dem literarisch anspruchsvollen und geschulten Leser bietet "Das Parfum" aber weitaus mehr: Neben der packenden Handlung bietet es auch eine Vielzahl von Verweisen auf andere literarische Werke und eine philosophische Dimension.

Denn auf einer philosophischen Ebene erzählt "Das Parfum" vom Scheitern der Aufklärung: Die Masse kann sich angesichts der Verführung nicht länger ihrer Vernunft bedienen. Obwohl es eindeutige Beweise gibt, dass Grenouille der gesuchte Mörder ist, spricht ihn das Volk bei seiner geplanten Hinrichtung von jeder Schuld frei

Zudem lässt sich eine politische Dimension erkennen, denn den Roman kann man auch als Reflektion über die Verführung der Masse durch einen Einzelnen lesen. Er lässt sich dann auch auf den Nationalsozialismus beziehen und steht damit der politischen Parabel nahe.

Das Schöne ist, dass man all diese zusätzlichen Ebenen zwar mitlesen kann, für das Verfolgen der Handlung sind sie aber nicht erforderlich. Süskind ist somit das Kunststück gelungen ganz unterschiedliche Leserschichten für seinen Roman zu gewinnen. Literaturtheoretisch geschulte Leser kommen genauso auf ihre Kosten wie Gelegenheitsleser. Der enorme Erfolg des Bestsellers dürfte wesentlich diesem Umstand geschuldet sein.

Auf jeden Fall ist dieser postmoderne Roman von Süskind ein großer Publikumsliebling und literarischer Erfolg geworden. "Das Parfum" hat sich nach seinem Erscheinen 1985 mehr als acht Jahre lang ohne Unterbrechung in der Belletristik-Bestsellerliste des Spiegel gehalten. Das hat vor ihm kein anderen Roman geschafft.

Übersetzt wurde er in 48 Sprachen. Insgesamt geht man heute davon aus, dass sich der Roman in Deutschland ca. 5 Mio. mal und im Ausland mehr als 15 Mio. mal verkauft hat – eine außergewöhnlich hohe Auflage für einen so jungen Roman. "Das Parfum" gehört somit zu den größten Verkaufserfolgen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Es ist aber nicht nur ein Bestseller, sondern auch ein Longseller bzw. Dauerseller, da es auch heute noch regelmäßig im Handel nachgefragt wird, u.a. auch weil das Buch beliebte Schullektüre geworden ist.

Ursächlich dafür waren nicht nur die vielen Rezensenten, die den Roman in den Zeitungen zum allergrößten Teil sehr positiv besprochen und hoch gelobt haben. Sondern auch die gleichnamige Verfilmung des Romans aus dem Jahr 2006. Die internationale Großproduktion unter der Regie von Tom Tykwer hat ein breites Publikum erreicht und gehört zu den 15 erfolgreichsten deutschen Filmen in deutschen Kinos. 15,5 Mio. Deutsche haben den Film innerhalb eines Jahres nach Erscheinen gesehen!

Der Roman hat aber nicht nur Filmemacher inspiriert, sondern auch Musiker. Wie anfangs erwähnt: Auf dem Album "In Utero" der Grunge-Band Nirvana findet sich ein Song mit dem Titel "Scentless Apprentice", zu deutsch etwa "geruchloser Lehrling". Darin besing Kurt Cobain ein Baby, das ohne Geruch zur Welt kommt. Offenbar hat auch er Süskinds Roman gelesen.

Zur Vorbereitung auf die nächste Klausur kannst du nun also auch Nirvana hören oder dir die Romanverfilmung ansehen – aber natürlich nur, wenn du das Buch schon gelesen hast! Viel Spaß dabei!

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