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Transkript „Das Parfum“ – Entstehungsgeschichte (Süskind)

„Das Parfum“ – Entstehungsgeschichte (Süskind)

Hallo! "Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte."

So beginnt Patrick Süskind seinen Roman "Das Parfum". Er erzählt darin die Lebensgeschichte des Sonderlings Jean-Baptiste Grenouille, der auf der Suche nach dem perfekten Parfum zum Massenmörder wird.

Um diesen Roman und seine Entstehungsgeschichte soll es in diesem Video gehen. Du wirst zunächst wichtige Quellen Süskinds kennenlernen. Danach werfen wir einen Blick auf modernes und postmodernes Schreiben und grenzen es voneinander ab. Los geht’s!

Süskind hat für "Das Parfum" umfangreich recherchiert. Obwohl wenig über den öffentlichkeitsscheuen Autor und seine Arbeitsweise bekannt ist, wissen wir, dass er sich vorab intensiv a) mit der Kulturgeschichte des Parfums, b) der Parfumherstellung und c) der Geschichte Frankreichs auseinandergesetzt hat.

Das Parfumhandwerk lernte Süskind bei einem achttägigen Aufenthalt in der Parfummanufaktur Fragonard in Grasse kennen. Außerdem las er zahlreiche Bücher zum Thema – als Hauptquellen vermutet man Alain Corbins Werk "Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs" und Eugene Rimmels "Das Buch des Parfums".

Es ist auch bekannt, dass Süskind in seiner Pariser Zeit eine Karte vom Paris des 18. Jhds. in seiner Wohnung hängen hatte. Dank seines intensiven Studiums historischer Quellen gibt uns "Das Parfum" so nicht nur einen authentischen Einblick ins Paris der Aufklärung, sondern auch in die hygienischen Verhältnisse der Zeit.

Darüberhinaus sind unzählige Romane, Erzählungen und Märchen zu nennen, welche Süskind gelesen hat. Viele Elemente daraus sind in "Das Parfum" eingeflossen. Jean-Baptiste Grenouille zum Beispiel weist in seiner Hässlichkeit Ähnlichkeiten zu Victor Hugos "Quasimodo" auf, dem Glöckner von Notre-Dame.

Wie "Peter Schlemihl" von Chamisso hat auch Grenouille einen Makel: Wo Peter Schlemihl keinen Schatten hat, hat Grenouille keinen Eigengeruch. Grenouille riecht sich durch die Dunkelheit, ähnlich wie der Goldschmied in E.T.A. Hoffmanns "Das Fräulein von Scuderi" im Dunkeln sehen kann.

Der erste Satz im "Parfum" ist dem Beginn von Heinrich Kleists Novelle "Michael Koolhaas" nachgebildet.

Und selbst der Name Grenouille, zu deutsch "Kröte", verweist nicht nur auf seine Hässlichkeit, sondern auch auf das Märchen vom Froschkönig.

Weitere Bezüge lassen sich herstellen zu Camus' "Der Fremde", Goethes "Faust", "Zauberlehrling" und "Willkommen und Abschied", Eichendorffs "Mondnacht", Günter Grass' "Blechtrommel" und Nietzsches "Also sprach Zarathustra" – und das sind nur einige wenige von ganz vielen Referenzen!

Auch stofflich und motivlich knüpft Süskind an zahlreiche literarische Werke der Weltliteratur an. Zu nennen wären etwa der Kindsmord, die Kaspar-Hauser-Legende, der Prometheusmythos oder die Schöne und das Biest. Von all diesen Werken und Stoffen finden sich Spuren in "Das Parfum", teilweise bis in die Wortwahl hinein. Das setzt eine intensive Beschäftigung Süskinds mit diesen Quellen voraus.

Süskinds Roman “Das Parfum” erschien im Jahr 1985. Im literarischen Epochenmodell zählt man die Literatur der 1980er Jahre zur sogenannten Postmoderne. Doch was ist das eigentlich, die Postmoderne?

Die Postmoderne beschreibt eine Tendenz, welche sich seit Beginn der 1980er Jahre in der Literatur findet. Postmoderne Literatur stellt eine Abkehr von der Moderne dar, daher der Begriff Post-Moderne, also Nach-Moderne.

Die Moderne hast du sicher bereits kennengelernt: Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts und äußerte sich in literarischen Strömungen wie dem Expressionismus oder dem Dadaismus. Die Moderne war geprägt durch eine große Experimentierlust und die Suche nach neuen literarischen Ausdrucksmöglichkeiten. Konkret solltest du an Werke wie Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder Kafkas "Der Prozess" denken.

Die Autoren der Postmoderne setzen sich jedoch mit ihrer Art des Erzählens deutlich von den Experimenten der Moderne ab. In der Epoche der Postmoderne dominieren traditionelle Erzählformen z. B. ein allwissenden Erzähler. Zudem stehen historische Stoffe und die unterhaltsame Aufbereitung dieser im Fokus postmoderner Literatur. Deshalb kann Süskinds "Parfum" als prototypischer - also besonders typischer - Roman dieser noch jungen Epoche angesehen werden. Gleiches gilt für Umberto Ecos weltbekannten Roman “Der Name der Rose”.

Schön, dass du heute wieder zugeschaut hast! Hoffentlich bist du etwas neugierig geworden auf Süskinds Klassiker der Postmoderne und seinen genial-abscheulichen Protagonisten. Bis bald!

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3 Kommentare
  1. Rene redaktion

    Hallo, in „Das Parfum“ gibt es zahlreiche Bezüge zu früheren Texten, so auch zu "Faust", z.B. das "faustische" Streben Grenouilles auf der Suche nach einem immer besseren Parfum und damit verbunden nach einer inneren Harmonie zwischen seinem Ich und der Welt, die z.T. passiven Frauenfiguren, die als Projektionsfläche männlicher Vorstellungswelten fungieren, die verschiedenen Orte, die die Protagonisten während ihrer eigenen Entwicklung durchwandern etc. Ihr findet sicherlich noch weitere Ähnlichkeiten zwischen den beiden Texten.

    Beste Grüße
    Eure Redaktion

    Von René Perfölz, vor 10 Monaten
  2. Default

    Genau die gleiche Frage wie Lu Sine habe ich mir auch gestellt. Könnt ihr das bitte noch mal hier genauer erklären? Danke :)

    Von Annatheresa97, vor 10 Monaten
  3. Default

    Hallo,
    du hast gesagt, dass man "Das Parfum" mit "Faust" vergleichen kann. Inwiefern meinst du das?

    Von Lu Sine, vor etwa 2 Jahren