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Transkript „Buddenbrooks“ – Personenkonstellation (Mann)

Wie findet man sich zurecht im Dickicht der zahlreichen Figuren in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks"? Zunächst einmal sollte man sich für eine erste Betrachtung nur die wichtigsten Personen vornehmen. Außerdem gilt es, für die Anordnung der Personen den genealogischen Aspekt zu beachten.

Der Stammbaum der Buddenbrooks

Genealogie bedeutet so viel wie Familienforschung oder Anfertigung eines Stammbaums. Denn wir haben es ja hier nicht mit einem Text zu tun, der einen relativ kurzen Zeitraum bespricht, in dem die Figuren mehr oder weniger gleichzeitig handeln. Stattdessen steht der psychologische und finanzielle Verfallsprozess der Familie im Vordergrund, der sich über vier Generationen zieht.

Die erste Generation in Manns Roman

In der ersten Generation steht fraglos der alte Johann Buddenbrook im Mittelpunkt. Er ist das älteste Mitglied der Familie und deren Oberhaupt. Buddenbrook ist von den Ideen der Aufklärung beeinflusst. Er steht für das freie, vernünftige Denken eines jeden Menschen. Dennoch glaubt er an Standeschranken.

Es ist für ihn selbstverständlich, zu der höheren, großbürgerlichen Schicht seiner Stadt zu gehören und entsprechende Werte und Traditionen zu pflegen. Er hält das Geschäft für wichtiger als die Familie. Er hat einen beachtlichen Reichtum angehäuft. Er ist voller Tatkraft und Geschäftssinn.

Die zweite Generation

Johann Buddenbrook, genannt Jean, ist sein Sohn und das Oberhaupt der zweiten Generation. Der Verfallsprozess der Familie hat hier bereits eingesetzt: Jean besitzt eine tiefe Frömmigkeit, die ihn Zweifel am Geschäftsleben fühlen lässt. Dennoch besitzt er bürgerlich-sachlichen Ernst und ein hohes Pflichtbewusstsein. Das Geschäft hat Vorrang. Jean setzt sich für ein harmonisches Familienleben ein. Dies jedoch bedeutet für ihn einen Konflikt mit dem Geschäft. Das Scheitern der Ehe seiner Tochter Tony belastet ihn.

Die dritte Generation der Familie

Sie ist Teil der dritten Generation, die besonders ausführlich porträtiert wird. Tony ist einerseits kindlich und naiv, besitzt aber schon früh Standesbewusstsein und die Haltung einer Königin. Sie neigt zum Stolz auf ihre Herkunft. Tony besitzt einen ausgeprägten Familiensinn. Dieser lässt sie die Anforderungen ihres Umfeldes verinnerlichen und erfüllen.

So opfert sie ihre wahre große Liebe Morten Schwarzkopf für eine bürgerliche Vernunftehe. Diese und auch die zweite Ehe scheitern. Am Ende des Romans ist sie allein mit einigen Frauen übrig. Alle männlichen Erben sind tot, die Familie damit ausgelöscht. All dies trägt sie mit einer zähen Widerstandskraft.

Ihr Bruder Thomas ist der Erstgeborene. Er ist vernünftig, realistisch und handelt ausgewogen. An ihn knüpfen sich die Hoffnungen der Familie. Früh tritt er in die Firma ein. Auf diesem Gebiet ist er ehrgeizig. Er neigt aber zur Resignation. Seine bürgerliche Haltung ist oft nur eine mühsam aufrechterhaltene Fassade.

Sein jüngerer Bruder Christian ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil von Thomas. Er neigt zur Hypochondrie, bildet sich also häufig ein, krank zu sein. Er hat eine Neigung zum Genuss, zum Künstlertum und zur Halbwelt. Er ist demnach antibürgerlich geprägt und bricht mit der Familientradition. Zwischen ihm und seinem Bruder besteht ein Konflikt.

Thomas wirft Christian seinen Lebenswandel vor. Heimlich scheint er aber zu ahnen, dass sein Bruder auch eine Seite von ihm selbst verkörpert - die er allerdings unterdrückt. Christians Dasein als Lebemann und komische Figur sowie Thomas’ lieblose Ehe und erbärmlicher Tod stehen für die sich intensivierende Dekadenzerscheinung in dieser Generation.

Hanno, der letzte Nachkomme der Buddenbrooks

Zur letzten Generation gehört nur noch Hanno, der Sohn von Thomas. Er ist vielen Erwartungen ausgesetzt, die er aber nicht erfüllt. Er ist kränklich, sensibel und in sich gekehrt. Seine Entwicklung ist verzögert. Schule, Religion und andere Verpflichtungen bedeuten ihm nichts. Einzig die Musik kann ihn erfüllen. Ihr kommt hier eine zerstörerische Kraft zu. Er stirbt einen selbst gewählten Tod und aus Mangel an Lebenswillen. Er verkörpert nach dem Verfallsprozess der Familie endgültig den lebensunfähigen, unbürgerlichen Décadent.

Die Personenkonstellation gründet in diesem Fall also auf der chronologischen Entwicklung der zunächst wohlhabenden Kaufmannsfamilie Buddenbrook über vier Generationen. Beachtenswert sind sowohl die Veränderungen von Generation zu Generation, die schließlich zum Niedergang führen, als auch die Beziehungen der Personen innerhalb einer Generation.

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