Advent, Advent, 1 Monat weihnachtliche Laufzeit geschenkt.

Nicht bis zur Bescherung warten, Aktion nur gültig bis zum 18.12.2016!

Briefroman 07:07 min

Textversion des Videos

Transkript Briefroman

Hi. Weißt du schon, wie du am Wochenende nach Stuttgart kommst? Nee, kein Plan. Du? Zug dauert ewig und Mitfahrgelegenheit find ich blöd. Wie wär´s mit Trampen? Das erlaubt mir meine Mutter niemals. Muss sie ja nicht wissen. Lass uns morgen drüber reden, muss los. Bye.

Was wäre, wenn du daraus einen Roman machen würdest? Wenn die Wortwechsel vielleicht nicht nur aus SMS, sondern auch noch aus Mails bestehen würden und sich die Geschichte weiterentwickeln könnte? Sicher wäre das etwas ganz Besonderes und würde sich von anderen Romanen unterscheiden, die du bisher gelesen hast. Es sei denn, du bist schon einmal über einen so genannten Briefroman gestolpert.

Einführung in den Briefroman

Der Briefroman ist eine Form des Romans, in dem das gesamte Geschehen durch die Briefe einer oder mehrerer Figuren vermittelt wird. In diesem Video zeige ich dir, welche Besonderheiten eine solche Darstellungsform mit sich bringt und was das Ganze mit dem 18. Jahrhundert zu tun hat.

Die Erzählperspektive

Was sind die besonderen Merkmale in einem Briefroman? Die Erzählperspektive ist ähnlich der eines Ich-Erzählers. Du erfährst alles aus der Sichtweise einer oder mehrerer Verfasser. Das nennt man dann monoperspektivisches beziehungsweise polyperspektivisches Erzählen. Hast du nur einen Erzähler, kann dieser als Hauptfigur, als Augenzeuge des Geschehens oder aus einer Kombination aus beidem auftreten.

Unterschiede zum Ich-Roman

Anders als im Ich-Roman gibt es einen fiktiven Partner, an den die Briefe adressiert sind. Weil die Figuren unkommentiert selbst zu Wort kommen, stehen ihre subjektive Wahrnehmung, ihre persönlichen Gedanken und Empfindungen im Vordergrund. Das erzählende Ich steht im Zentrum des Geschehens.

Wenn der Roman aus Briefen besteht – woher erfährst du dann, welche Handlung geschieht? Denk noch einmal an unser Beispiel vom Anfang. Welche Informationen hast du bereits bekommen? Es gibt im Moment zwei Personen, diese wollen nach Stuttgart und wissen noch nicht, wie sie hinkommen werden. Außerdem hat eine der Personen wahrscheinlich eine Mutter, die etwas ängstlich oder besorgt ist.

Implizite Informationsvermittlung

Diese Art der Informationsvermittlung wird als implizit bezeichnet. Indem du die Unterhaltung mitverfolgst bekommst du automatisch Informationen über Personen, Handlungen und Umstände. Dabei kann es sein, dass diese direkt benannt werden – wie die Stadt Stuttgart, oder du sie dir indirekt erschließen musst – wie die Sorge der Mutter.

Auszug aus dem Briefroman von La Roche

Ich zeige dir einen Auszug aus dem ersten deutschsprachigen Briefroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie von La Roche aus dem Jahr 1771. Welche Informationen über Personen und Handlungen erhältst du darin?

„Frau von Sternheim an ihre Frau Mutter. Da mich das schlimme Wetter und eine kleine Unpäßlichkeit abhalten meiner gnädigen Mama selbst aufzuwarten, so will ich doch meinem Herzen das edle Vergnügen nicht versagen, mich schriftlich mit Ihnen zu unterhalten. […] Dieses war mein Wunsch, und diesen hab ich von der Vorsehung erhalten – einen nach seinem Geist und Herzen aller meiner Verehrung würdigen Mann; und mittelmäßiges, aber unabhängiges Vermögen, dessen Größe und Ertrag hinreichend ist, unser Haus in einer edlen Genügsamkeit und standesgemäß zu erhalten, dabei aber auch unsern Herzen die Freude gibt, viele Familien des arbeitsamen Landmanns durch Hülfe zu erquicken, oder durch kleine Gaben aufzumuntern. […] Nachdem meine gnädige Mama, mein Bruder, meine Schwester und meine Schwägerin abgereiset waren, empfand ich sozusagen das erstemal die ganze Wichtigkeit meiner Verbindung. […]“

In diesem Abschnitt erfährst du zum Beispiel, dass Frau von Sternheim frisch verheiratet ist und einige der Gedanken, die sie sich über diesen Schritt macht. Wem sie diese Gedanken schreibt, teilt nicht nur sie selbst, sondern auch die Überschrift mit.

Explizite Informationsvermittlung

So kann es in einem Briefroman vorkommen, dass die Informationsvermittlung zusätzlich explizit, durch Überschriften, Kommentare des Autors oder durch einen fiktiven Herausgeber in Form von Vor- und Nachbemerkungen oder eingefügten Kommentaren erfolgt.

Die Zeitspanne der Handlung wird meist direkt vom Leser miterlebt. So wie der Empfänger eines Briefes darauf wartet, neue Informationen über das Leben des anderen zu erhalten, erlebt der Leser das Geschehen zeitnah mit. Die Stimmung und Wahrnehmung des erzählenden Ichs lässt die Zeitdifferenz zwischen dem Erleben der Geschehnisse und dem Erzählen in den Hintergrund treten.

Die Retroperspektive

Hierin besteht einer der Unterschiede zum Ich-Roman. Darin kann eine Handlung auch komplett in der Retroperspektive erzählt werden. Du kennst nun schon einige formale Besonderheiten des Briefromans. Diese Form war im 18. Jahrhundert besonders beliebt, weil die Meinung des Individuums, seine subjektive Weltsicht, in dieser Zeit immer mehr an Bedeutung gewann.

Briefromane während des 18. Jahrhunderts

Die unmittelbare und authentische Sprache des fühlenden, empfindsamen Subjekts findet im Briefroman Würdigung. Weitere Beispiele für Briefromane dieser Zeit sind „Pamela, or Virtue Rewarded“ von Samuel Richardson, Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ oder Friedrich Hölderlins „Hyperion“.

Bezug zur Gegenwart

Die Form des Briefromans wurde immer wieder von verschiedenen Autoren genutzt. Sicher ahnst du schon, was ein Autor der heutigen Zeit daraus machen würde. Weil heute die meiste Kommunikation über neue Medien wie SMS und Mails geschieht, gibt es mittlerweile E-Mail-Romane wie Daniel Glattauers „Gut gegen Nordwind“ aus dem Jahr 2006. Was denkst du? Wäre es auch möglich, einen ganzen Roman aus SMS oder ähnlichen Textnachrichten zu entwickeln?

Informationen zum Video
1 Kommentar
  1. Default

    Kein Hallo im Video ?- aber egal -cool !

    Von Zachary G., vor 9 Monaten