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Transkript Aristotelisches Drama

“Ödipus”, “Hamlet”, “Faust”, “Warten auf Godot” - wir alle wissen, dass es sich dabei um die Titel berühmter Theaterstücke handelt. Doch was genau darf als Theaterstück gelten? Gibt es dafür überhaupt Regeln? Die Antwort ist: ja! Über die Jahrhunderte gab es immer wieder namhafte Persönlichkeiten, die ein Regelwerk dafür aufgestellt haben, wie ein Theaterstück zu schreiben ist und welchen Inhalt es haben soll.

Videoüberblick

In diesem Video werden wir uns mit dem ersten Versuch dazu auseinandersetzen, der weit in die Entstehungszeit des Dramas zurückreicht und sehr lange Bestand hatte: Dem aristotelischen Drama, das auch klassisches Drama oder Drama der geschlossenen Form genannt wird. Das aristotelische Drama geht auf die Dramaturgie des antiken Theaters zurück. Die vorherrschende Theaterform war damals die Tragödie. Aristoteles beschreibt in seinem bedeutenden Werk “Die Poetik” von 335 vor Christus die Grundzüge der Tragödie wie folgt:

Auszug aus “Die Poetik”

“Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden - Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.”

Die geschlossene Handlung

Zum einen geht es also um eine “geschlossene Handlung von bestimmter Größe”. Darin stecken gleich mehrere Aspekte: Als erstes soll die Tragödie “geschlossen” sein, das heißt, es gibt einen klaren Anfang und auch ein klares Ende für die Handlung. Die Handlung soll laut Aristoteles vollständig sein - kein Teil der erzählten Geschichte darf fehlen oder ausgelassen werden. Für Aristoteles ist entscheidend, dass der Dichter stets die Wirklichkeit nachahmt; diesen Prozess nennt er “Mimesis”.

Die Sprache

Als nächstes geht es um eine anziehend geformte Sprache. Unter diesem Punkt versteht Aristoteles ganz einfach eine gebundene Sprache, also die Versform innerhalb der Tragödie. Als selbstverständlich für das Drama empfinden wir den Punkt, dass es sich nicht um reinen Bericht handeln soll. Handlungen sollen nachgeahmt werden, das Spiel steht also im Vordergrund, nicht das Erzählen über etwas.

Bezug zur eigenen Wirklichkeit

Der letzte Punkt ist wohl einer der wichtigsten für die Definition des aristotelischen Dramas und für die Abgrenzung von anderen Theaterkonzeptionen, nämlich das Hervorrufen von “Jammer” und “Schauder” beim Zuschauer und eine darauffolgende Reinigung. Der Zuschauer soll das Gesehene auf sich selbst, auf seine Wirklichkeit beziehen.

Phobos, Eleos und Katharsis

Daraufhin fühlt das Publikum mit und empfindet jene Gefühle des Jammers, “Phobos”, und Schauderns, “Eleos”. Das Mitfühlen dieser sogenannten Affekte bewirkt dann eine Reinigung. Diesen Vorgang nennt Aristoteles “Katharsis”. Die Handelnden der Tragödie sollen gute und schöne Menschen sein.

Für das klassische Drama hieß das, dass nur die Geschichten von großen Königen, Herrschern und Göttern dargestellt wurden. Geschichten des normalen Volkes sollten in Komödien behandelt werden. Es konnte nur dem etwas Tragisches zustoßen, der in der Hierarchie sehr weit oben war, also eine gewisse Fallhöhe hatte. Dieses Prinzip nennt man Ständeklausel.

Einheit von Ort, Zeit und Handlung

Ein besonders wichtiger Aspekt des klassischen Dramas ist die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein Drama soll sich demnach im Gesamten an einem einzigen Ort abspielen und diesen Ort während der Handlung nicht verlassen oder wechseln. Die Einheit der Zeit beschreibt die Forderung, dass die gesamte Handlung innerhalb eines Tages abgeschlossen sein sollte. Außerdem soll es nur eine Handlung geben, da zu viele Handlungsstränge die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ablenken.

Der Aufbau des aristotelischen Dramas

Aus der Einheit von Ort, Zeit und Handlund leitet sich eine weitere Besonderheit ab: Der Aufbau des aristotelischen Dramas. Betrachtet man die Handlung, so fällt ein besonderes Muster auf. Dieses Muster hat Gustav Freytag in seinem Buch “Technik des Dramas” 1863 erstmals zusammengefasst.

Handlung, Figuren und Grundkonflikt

Er unterteilt das Drama in fünf Teile - meist sind sie mit den Akten im Theaterstück identisch: “Einleitung, Steigerung, Höhepunkt, Fall oder Umkehr und Katastrophe”. Im ersten Teil werden die Figuren und der Grundkonflikt, also das Thema des Stückes vorgestellt. Der zweite Teil entwickelt die Handlung und bereitet den Höhepunkt vor.

Der Höhepunkt

Der Höhepunkt im dritten Teil ist dann die große Schlacht oder das lang ersehnte Fest oder die Durchführung eines Mordes und so weiter. Doch ob alles gut geht oder nicht erfährt man noch nicht, denn zuerst kommt der vierte Teil, der Fall der Handlung oder die Umkehr. Oft wird dieser vierte Akt auch “retardierendes Moment”, also Verzögerung, genannt.

Das retardierende Moment

Hier verkehrt sich die Lage des Helden nochmals und Entscheidungen werden hinausgezögert. Dieser Teil des Stücks soll Spannung erzeugen und uns mit dem Helden mitfühlen lassen. Im letzten Teil, der Katastrophe - bei einer Tragödie - oder der glücklichen Fügung - bei einer Komödie - wird das Drama dann schließlich zu einem Ende gebracht.

Es gibt jedoch auch klassische Dramen, die nur drei Akte haben. In solchen Fällen entfallen der zweite und der vierte Akt, beziehungsweise fallen diese mit dem ersten und fünften Akt zusammen.

Resümee

Dieser kurze Überblick zeigt uns eine Möglichkeit, Regeln für das Theater aufzustellen. Sehr viele Theaterstücke, wie Goethes “Faust” oder “Ödipus” von Sophokles, lassen sich in dieses Schema einordnen und mit ihm analysieren. Wenn wir wissen wollen, ob das Theaterstück, das wir vor uns haben, ein Drama im Sinne Aristoteles’ ist, so müssen wir es nur auf die Regeln testen, die wir eben herausgestellt haben. Sollten nicht alle Regeln zutreffen, so sprechen wir von einem “nicht-aristotelischen-Drama” - doch das ist ein anderes Thema.

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